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| *bertram
bartls neoarchaik |
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| von Reto
Krüger |
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Nur Augen,
Mund und Nase, gleichsam die anthropologischen Grunddaten,
zeigen Bertram Bartls neueste Bilder, die er unter den
Begriff der Neoarchaik gestellt hat. Archaisch ist die
Flächigkeit dieser Gesichter, die meist plan vor einem
Hintergrund stehen und nur durch Modellierungen und
verschiedene Oberflächen an Räumlichkeit gewinnen. Die
Gesichter begleitende Gipsskulpturen sind dazu wie altmexikanische
Reliefs aus dreidimensionalen Rechtecken und winklig
gebrochenen Konturen aufgebaut. In ihrer Dreidimensionalität
bringen sie das Gesicht in Form von Augenhöhlen und
Mundöffnungen direkt zur Anschauung.
Die Malerei erscheint dagegen zum Teil fast völlig abstrakt.
In der Regel hochformatige Leinwände mit monochromem
Hintergrund sind mit Liniengerüsten strukturiert, die
exakt aus Skizzenblättern reproduziert sind. Die winzigen
Kopfformen, die seit Jahren zu Hunderten entstehen,
wandeln sich unter der Hand des Malers zu Flächenordnungen.
In den Gesichtsbildern sind es zu Haken, Ösen, Schlaufen
und Winkel vereinfachte Gesichtszüge, die in den meist
leicht gerundeten, aufragenden Flächen das Gesicht nur
vermuten lassen. Vom fast abstrakten Gesichtskreuz über
graphische Kürzel, die in Flächen einhängt sind, bis
zu den Musenköpfen, die an Arbeiten von Brancusi erinnern,
reicht die Bandbreite der Gestaltung. In der Serie der
Musen zerfällt der Typus scheinbar, ist einmal auch
nur hälftig zu sehen, sonst durch einen Riss getrennt
und mit Klammern fest verschraubt. Diese Arbeit am Typus
des Gesichtsbildes geht einher mit einer reichen und
differenzierten Malerei. Glatt verstrichene sind gegen
getüpfelt strukturierte Oberflächen gesetzt, eine fast
expressive Pinselführung kann kontrollierte Flächen
ablösen, dünn gemalte Partien findet man neben Linien,
die kaum noch Farbe tragen können.
Diese Bilder sind in Ulm entstanden, in einem hohen
weißen Raum ohne Ausblick, dem White Cube des Künstlers,
der hier in immer neuen Varianten seine Bilder sucht
und findet. Malerei ist ein Ritual, wie er sagt, ein
langwieriges Auftragen von Schicht um Schicht, bis das
Bild soviel Gewicht hat, dass es stehenbleiben kann.
Jedes Werk ist eine Hypothese dazu, wie das Konzept
Malerei heute mit Leben erfüllt werden kann. Die Beschränkung
auf das einzige Motiv des Kopfes dient dabei als Gerüst,
mittels dessen die Materie auf der Leinwand geordnet
wird. Im Gesicht ist aber auch die sinnliche Präsenz
des Menschen konzentriert, die in Erinnerung an Kandinskys
Polarität der abstrakten und damit geistigen Form des
Bildes Spannung verleiht. Weit weg von Mexiko oder anderen
archaisch gestimmten Orten entsteht so Bertram Bartls
Kunst als Malerei über Malerei. Neoarchaik ist ein Begriff,
der nicht nur auf die Reduktion der Gestalt, sondern
auch auf die Tradition elementarer Malerei verweist.
Das kleine Neo davor erinnert an die Distanz, die uns
von Altmexiko und anderen archaischen Kulturen ebenso
trennt, wie von allen hochfliegenden Ursprünglichkeitsversprechen
des zwanzigsten Jahrhunderts.
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