*die ironie des todes. eine provokation  
von Joachim Homan


 

Wer sich heute mit dem Tod beschäftigt, der gerät ins Abseits. Die Sicherung des individuellen Lebens vor Unfall, Krankheit und Tod ist eines der zentralen gesellschaftlichen Ziele. Wer die Gegenwart des Todes zulässt und ihm erlaubt, sich zu zeigen, bricht eines der Tabus, über die sich unsere Gesellschaft konstituiert. Der Tod gilt als der ständige Verlierer. Die Fortschritte der medizinischen Apparatetechnologie schieben die Grenzen des Lebens immer weiter hinaus. Geklonte Ersatzteile für die defekten Organe bringen den Menschen der Unsterblichkeit näher.

Unsere kulturellen Speichersysteme sind neben der Konservierung unserer Körper eine zweite Form der Überlebenssicherung. Sie halten Informationen für die kollektive und individuelle Erinnerung bereit, und schützen so vor dem Tod durch Vergessen. Mit dem Voranschreiten der Digitalisierung erreichen unsere WissensSpeicher eine vorher undenkbare Perfektion. Bisher waren gespeicherte Informationen immer an einen Träger gebunden, der notwendigerweise vergänglich war. Um sie vor dem Verfall zu retten, mussten die Informationen wieder und wieder kopiert werden. Mit jeder Kopie ging ein Teil der urspünglichen Qualität verloren und Neues kam hinzu. Die eigene Unsterblichkeit, die Kanonisierung in den kulturellen Archiven war von der Gunst der Archivare abhängig, die beständig den Verfall der Trägermedien verlangsamen oder durch Kopieren die Informationen erhalten mussten. Die Digitalisierung macht Informationen unabhängig von ihrem Träger. Texte, Bilder und Geräusche können als elektronische Impulse ohne Verluste aufgezeichnet und ausgetauscht werden. Sie existieren als körperlose Datenkonfigurationen, die der Vergänglichkeit entzogen sind. Das Internet als nichtmediales Speichermedium ist ein kultureller Sieg über den Tod.

Durch ihre Auflösung in austauschbare Datenmengen wird die Welt triumphal verklärt. Die Techniker der Unsterblichkeit feiern ihren Triumph in der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes. Seitdem menschliche Individualität als Aminosäuresequenz auszudrücken ist, ist Leben im Prinzip reversibel, »Leben« und »Tod« bezeichnen nur noch Aggregatzustände eines genetischen Programms.

Der Tod als Kehrseite allen Lebens, als universales Prinzip der Vergänglichkeit, ist eine Fiktion. Die Behauptung, dass unsere Welt nur eine Maske sei, die den allgegenwärtigen Tod verbirgt, kann nicht bewiesen und nicht widerlegt werden. Wenn jemand sagte: »Alle müssen sterben!«, wer würde ihm widersprechen? Doch wer könnte sich vorstellen, dass auch er selbst sterben muss? Im Geheimen zweifelt jeder an seinem eigenen Tod. Den Tod als Ende allen Lebens – auch des eigenen – zu akzeptieren, setzt eine freiwillige Entscheidung voraus. Erzwungen werden kann diese Sicht auf die Welt nicht. Und weil der Tod eine Fiktion ist, darf man auch fragen, warum diese Fiktion sinnvoll ist. Kann sie am Ende eine positive Bedeutung haben? Oder handelt es sich doch nur um abseitige Schwarzseherei? Als Fiktion hat der Tod eine Geschichte, und deswegen ist die Frage nach seiner Bedeutung historisch zu beantworten.

Der Knochenmann spukt schon seit der griechischrömischen Antike durch die Köpfe und durch die Bilder der Europäer. Mit seinem entwaffnenden Grinsen hat er aber nie so unverhohlen die Lebenden verschreckt und verführt wie im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Bilder von geisterhaft belebten Skeletten, durch Inschriften zum Reden gebracht, wurden zu einem festen Bestandteil vieler Friedhöfe. Die Legende der drei Lebenden und der drei Toten war zunächst das beliebteste Motiv dieser mahnenden Bilder. »Was ihr seid, das waren wir. Was wir sind, das werdet ihr sein.« So klapperten drei Skelette ihre schauerliche Botschaft drei Rittern entgegen. Die Friedhöfe lagen damals noch vielfach um die Gemeindekirchen herum mitten in der Stadt. Es ging keinesfalls immer ruhig und gesittet zu. Der Friedhof wurde erst später zu einem Ort des Totengedächtnisses und der stillen Vorbereitung auf den eigenen Tod. Es entstand eine eigene Bilderwelt, die in den Predigten der Pfarrer, von ansässigen Seelsorgern oder auch von Wanderpredigern erklärt wurde. Im Jahre 1425 wurde auf dem berühmten Friedhof Aux Saints Innocents in Paris der erste monumentale Totentanz angebracht. Hier war die Konfrontation der Toten mit den Lebenden zu einem Panorama gesteigert, das die ganze Gesellschaft im Angesicht des Todes sichtbar machte. Der Papst, der Kaiser, die Adeligen und die Gelehrten, der Klerus und die einfachen Menschen, alle wurden von Totenfiguren abgeholt und in den Tod geführt. »Alle Söhne Adams müssen sterben – alle sterben für einen Apfel.« Die Kommentare der Todesfiguren sind an Zynismus nicht zu überbieten. Sie treiben ihre makabren Spässe mit den vielen Ständevertretern und nötigen auch dem Betrachter (und Leser der Inschriften) durch ihre Scherze oftmals ein Lachen ab.

Am Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts sahen sich die Menschen mit bisher unbekannten Krisenphänomenen alleingelassen. Innerhalb einiger Jahrzehnte zerbrach das mittelalterliche Weltbild, das jedem Menschen seinen Platz in einer wohldurchdachten Hierachie zugewiesen hatte. Seuchenkatastrophen, Hungersnöte und endlose Kriege führten zu einer sozialen Entwurzelung, mit der die Städte überfordert wurden. Die Kirche war im Schisma zerstritten und ebenso handlungsunfähig wie die durch Kriege geschwächten Monarchien. Die Pariser Theologie spiegelte damals diese Krise genau wider, wenn sie die traditionellen Orientierungsmuster der Scholastik radikal in Frage stellte, ohne neue Ordnungen an ihre Stelle setzen zu können. Das Selbstverständnis der Universitätsgelehrten war durch das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit angesichts der Krise schwer erschüttert. Eine Avantgarde von Predigern emanzipierte sich von der reformunwilligen Kirche und kehrte auch dem machtlosen Hof den Rücken, um sich wieder auf die Straße zu begeben. Sie sah ihre Aufgabe in der direkten Ansprache der verzweifelten Laien durch eine neue Art der Seelsorge. Die Ars moriendi wurde gepflegt. Jeder sollte durch die Vorwegnahme seines Todes lernen, in der Sterbestunde verantwortungsvoll und gefasst zu handeln. Einige der Reform-Geistlichen selbst gaben große Grabskulpturen in Auftrag, die ihren eigenen Leichnam im Zustand der Verwesung vorführten, obwohl sie ja noch am Leben waren. Sie legten ihnen Gedichte in den Mund, in denen sie bekannten, dass sie trotz ihrer Karrieren und ihrer internationalen Reputation demütig und gottergeben seien, weil sie ihre Vergänglichkeit nicht verleugnet hätten.

Ihre Antwort auf die Verunsicherung der Menschen war eine Schocktherapie: Die Angst war nicht zu zerstreuen und auch nicht zu entkräften. Sie musste radikalisiert werden. Jeder sollte seiner Angst und seinen Zweifeln so weit folgen, bis ein Zustand totaler Verzweiflung und Haltlosigkeit erreicht war. Jede Bindung, jede Gewissheit sollte verneint werden, die Welt musste als ein Trugbild dargestellt werden, dessen Masken nicht länger täuschen konnten. Der Mensch würde sich ins Jenseits der Welt hineinmeditieren müssen; die Erkenntnis der Nichtigkeit der Welt würde ihn ins Nichts des Todes führen. Nur dann wäre er bereit für die Einsicht, dass das Leben in der Welt nur so viel Sinn machte, wie jeder Einzelne ihm zuzutrauen bereit war.

Die monumentalen Totentänze haben dafür ein unvergessliches Bild geschaffen. Der Betrachter lacht mit den Toten über die Kette der Lebenden, die nacheinander vorgeführt werden, nur um sofort mit dem tödlichen Reigen zu verschwinden. So sieht er die ganze Gesellschaft an sich vorrüberziehen. Es ist die Ironie des Todes im Totentanz, dass er das Ende von allem ankündigt und, gerade durch seinen Totalitätsanspruch, eine unendliche Perspektive auf die Welt ermöglicht. Der Totentanz erzeugt einen Diskurs der Endlichkeit, der selbst kein Ende finden kann. Er schafft eine Situation des unendlichen Endes. Der Tod ist nichts anderes als ein allgemeines Äquivalent, das einen universalen Tausch von allem mit allem garantiert. Mit Hilfe des universalen Todes wird die Welt sichtbar, benennbar und darstellbar.

Der Pariser Totentanz war ein Experiment, das die Ironie des Todes popularisierte, weil es die Ironie der Ironie, nämlich die Andacht, anregen wollte. Der Preis war hoch: Die längst angeschlagene Autorität der kirchlichen und aristokratischen Würdenträger wurde vollends untergraben, wenn man die Gleichheit der Menschen vor dem Tod herausstellte. Die Totentänze waren in ganz Europa erfolgreich, weil sich in ihnen die private Frömmigkeit mit sozialer Kritik verbinden konnte. So verbreitete sich das Motiv entlang der Handelswege von Paris aus nach Spanien, über die Niederlande in den Ostseeraum und früh, vielleicht verbunden mit der konziliaren Bewegung, über Basel im Voralpenraum.

Der Füssener Totentanz aus der Annakapelle von St. Mang ist ein Beispiel dafür, wie lebendig die Tradition auch nach vielen Generationen am Anfang des 17. Jahrhunderts noch war. Nach dem Schema des großen Baseler Totentanzes vom Dominikanerkloster und in Anlehnung an Holbein versammeln die zwanzig Tafeln die Gesellschaft ihrer Zeit zur Ständerevue. Totentanzmaler haben nie Vorbilder kopiert, sondern sie haben immer das Modell übernommen und auf ihre Situation zugeschnitten. Schließlich wollten sie ihren Mitmenschen den Spiegel vorhalten.

Bertram Bartl setzt den langen Reigen der europäischen Totentänze mit einem Bilderzyklus fort. Er nimmt sich die Freiheit, mit zeitgenössischen Techniken und einem modernen Bildverständnis auf die Bilderwelt des 15. Jahrhunderts zu antworten. Außer der Schwelle zwischen Tod und Leben, auf der sich die Totentänze bewegen, wird hier die Grenze zwischen den Medien Malerei und Computergrafik ins Spiel gebracht. Die Digitalisierung der Welt im Dienst der perfekten Speicherung und mit ihr unser Fortschrittsglaube werden durch den Pinsel in Frage gestellt. Es erweist sich die unleugbare Gegenwart des Todes – und sein ironisches Potenzial.


Über den Autor:

Joachim Homann untersuchte die Anfänge des monumentalen Totentanzes in seiner Magisterarbeit »Bilder des ironischen Todes. Der Pariser Totentanz von 1425 als Provokation« (Karlsruhe 1997). Seine vor dem Abschluss stehende Dissertation ist dem politisch motivierten Städtebau im napoleonischen Mailand gewidmet. Homann studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Göttingen, München, Heidelberg und an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Er war 1997-2000 Mitglied des Graduiertenkollegs für Politische Ikonographie an der Universität Hamburg. Zur Zeit lebt und arbeitet er in Berlin und New York State. Joachim Homann ist Gründungsredakteur der ersten kunsthistorischen Mailingliste in Deutschland (http://www.arthist.net).

Veröffentlichungen zur Gegenwartskunst:

»Andree Korpys und Markus Löffler«, in: German Open. Contemporary Art in Germany, Kunstmuseum Wolfsburg, 1999;
»Moments of Freedom. Korpys Löffler«, in: 8th Biennial of Moving Images, Centre pour l‘image contemporaine, Geneva, 1999;
»Das Museum der Macht und seine Besucher. Hegel, Napoleon, Kierkegaard«, in: »Der Geist ist ein Knochen.« Zur Aktualität von Hegels Ästhetik, Stuttgart 1997;
»Gesicht und Geschichte. Eine Skulptur von Laurids/Mattheus für den Gendarmenmarkt Berlin«, in: Fünf Jahre Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, hg.v. Heinrich Klotz, Stuttgart 1997.


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